Im Deutschen „Sie“, im Englischen „you“: Wie zeigen Sie trotzdem Respekt?
Sie schreiben zum ersten Mal an eine britische Geschäftspartnerin. Im Deutschen würden Sie sie selbstverständlich siezen. Auf Englisch steht Ihnen dafür nur you zur Verfügung – dasselbe Wort, das Sie auch für einen Kollegen verwenden, mit dem Sie täglich zusammenarbeiten. Klingt Ihre Nachricht dadurch zu vertraulich?
Nein. Im Englischen entscheidet das Wort you nicht darüber, wie förmlich oder respektvoll Sie wirken. Dafür sind andere Entscheidungen wichtig: Wie sprechen Sie jemanden an? Wie formulieren Sie eine Bitte? Und zeigen Sie, dass Sie die Zeit und die Sichtweise Ihres Gegenübers berücksichtigen?
Die Anrede gibt den ersten Hinweis
Wenn Sie jemanden noch nicht kennen und der Kontakt eher formell ist, kann Dear Ms Taylor eine passende Anrede sein. Schreibt die Person mit Hi Anna zurück und unterschreibt mit ihrem Vornamen, können Sie sich im weiteren Austausch daran orientieren. Zwischen Kollegen, die einander kennen, ist Hi Anna oft ganz selbstverständlich.
Der Vorname allein sagt allerdings wenig über die persönliche Nähe aus. Auch Menschen, die sich mit Vornamen ansprechen, können sachlich und förmlich miteinander arbeiten. Schauen Sie deshalb auf den Kontakt insgesamt: Was ist in der Organisation üblich? Wie spricht Ihr Gegenüber Sie an? Und wie offiziell ist der Anlass?
Eine Bitte kann klar und höflich zugleich sein
Stellen Sie sich vor, Sie benötigen bis Freitag einen Bericht. Auf Deutsch würden Sie vielleicht schreiben: Bitte schicken Sie mir den Bericht bis Freitag. Eine direkte Übersetzung – Send me the report by Friday, please – ist verständlich. Je nach Beziehung und Situation kann sie aber wie eine Anweisung klingen.
Wenn Sie die andere Person um Unterstützung bitten, könnten Sie schreiben:
Could you send me the report by Friday, please? We need it for Monday’s meeting.
Sie nennen die Aufgabe und den Termin, geben aber auch den Grund an. Could you lässt die Bitte höflicher klingen, ohne sie unklar zu machen. Ist Freitag nur Ihr Wunschtermin, können Sie der anderen Person mehr Spielraum geben:
Would it be possible to send me the report by Friday?
Welche Formulierung passt, hängt auch von Ihrer Rolle ab. Wer eine Aufgabe verteilt, muss nicht jede Anweisung als vorsichtige Frage verpacken. Respekt zeigt sich dann vor allem darin, dass die Erwartung und die Frist klar sind und die andere Person alle nötigen Informationen erhält.
Auch ein Widerspruch braucht keine Umwege
Sie sind in einer englischsprachigen Besprechung und halten einen Vorschlag für problematisch. I disagree ist eine korrekte und klare Reaktion. Wenn Sie das Gespräch offenhalten möchten, können Sie genauer zeigen, worauf sich Ihr Einwand bezieht:
I can see why you suggest that. My concern is the timeline.
Damit stimmen Sie dem Vorschlag nicht zu. Sie erkennen an, was die andere Person erreichen möchte, und benennen anschließend Ihren konkreten Einwand. Das hilft dem Team mehr als eine lange Einleitung, bei der unklar bleibt, was Sie eigentlich meinen.
Passen Sie den Ton an, ohne Ihre Botschaft zu verlieren
Es gibt kein einziges „höfliches Englisch“, das in jedem Land, jedem Unternehmen und jeder Situation gleich funktioniert. Manche Teams schreiben sehr knapp, andere legen mehr Wert auf eine persönliche Einleitung. Beobachten Sie, wie Ihre Gesprächspartner kommunizieren, und prüfen Sie zugleich, ob Ihre eigene Botschaft klar bleibt.
Wer auf Deutsch zwischen Sie und du wählen kann, muss im Englischen auf andere Signale achten. Eine passende Anrede, eine verständliche Bitte und eine Reaktion auf die Sichtweise des anderen zeigen Respekt oft deutlicher als eine besonders förmliche Formulierung.
Bei Regina Coeli können Sie genau solche Situationen mit einem Sprachtrainer üben: eine erste E-Mail an einen Kunden, eine Bitte an einen internationalen Kollegen oder einen Einwand in einer Besprechung. Dabei arbeiten Sie mit Ihren eigenen Beispielen und probieren aus, welche Formulierungen zu Ihrer Rolle und Ihren Gesprächspartnern passen. So können Sie auch auf Englisch professionell auftreten, ohne sich hinter förmlichen Floskeln zu verstecken.
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